Bericht zum Deutschen Apothekertag 2017

„Seid einig, einig, einig!“

Der erste Deutsche Apothekertag (DAT) nach  dem Urteilsspruch beschäftigte sich vor allem mit dem Thema EuGH-Urteil und den Folgen dieser Auflockerung des einheitlichen Abgabepreises.

Dabei gab es keine Diskussionen: Die vo n der ABDA schon früh ausgelobte Strategie, ausschließlich auf ein Rx-Versandverbot zu setzen, wurde in den Eröffnungsreden von Friedemann Schmidt (ABDA-Präsident) und Sebastian Schmitz (ABDA-Hauptgeschäftsführer) noch einmal als einzige, langfristig zielführende Lösung bekräftigt.

Auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe stieß ins selbe Horn und erklärte in seiner Rede noch einmal seinen Willen, ein Rx-Versandverbot im nächsten Koalitionsvertrag zu verankern. Dass es bis heute noch kein solches Verbot gäbe und noch immer 150 000 Apothekenmitarbeiter um ihre Zukunft bangen müssten, sei alleinige Schuld der SPD, die, laut Gröhe, ihre sozialen Werte vergessen habe und nun für Wettbewerbsdruck im Gesundheitssystem eintrete.

In der anschließend stattfindenden Podiumsdiskussion führte Maria Michalk (CDU) das Wort weiter und griff nochmals die SPD an, welche selbst aufgrund von Terminschwierigkeiten keine Vertretung zum DAT entsandt hatte.

Verschiedene Redner quer durch alle politischen und beruflichen Positionen bekannten sich auf dem DAT zur   apothekerlichen Versorgungstruktur in Deutschland und leiteten daraus ihre Unterstützung des Versandhandelsverbotes ab.

Beispielsweise nannte Friedemann Schmidt (ABDA-Präsident) die Begegnung von Angesicht zu Angesicht als im Gesetz verankerte Grundvoraussetzung dafür, ein Arzneimittel abzugeben. Ein Versandhandel untergrabe diesen Sicherungsmechanismus und stelle das bisher gut funktionierende System auf den Kopf.

Darüber hinaus sei die gut erreichbare Apotheke, „die man kennt und in der man gekannt wird“ , ein wesentliches Stück Sicherheit und Lebensqualität für die Patienten, so Schmidt.

Der Preisdruck durch den Versandhandel gefährde dieses kleinteilige  Apothekennetz und setze diese Sicherheit und Lebensqualität aufs Spiel, meinte auch Cynthia Milz vom ABDA-Vorstand auf der Podiumsdiskussion.

Letzen Endes waren sich also alle anwesenden Akteure einig: Das Rx-Versandverbot sei das einzige Mittel, eine gut erreichbare und durch Menschlichkeit geprägte Versorgungsstruktur zu bewahren. So wurde dann auch der Leitantrag, der den Gesetzgeber zur Durchsetzung eines Rx-Versandverbotes aufruft, einstimmig angenommen.

Apotheker fordern Maßnahmen zur Bekämpfung von Lieferengpässen

Auch mit den in der letzten Zeit verstärkt auftretenden Lieferengpässen beschäftigte sich der Deutsche Apothekertag in diesem Jahr.  Seit sich diese immer häufiger zu mitunter gravierenden Versorgungsengpässen auswachsen, sei die Zeit fällig für eine Überarbeitung der Rahmenbedingungen zur Ausschreibung von Rabattverträgen.

In den Rabattverträgen sehen die Apotheker nämlich die Wurzel des Problems. Durch die Rabattverträge seien diejenigen Unternehmen, die nicht den Zuschlag erhalten haben, aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, Produktion des Arzneimittels stark zu drosseln oder ganz einzustellen. Somit komme es zu einer Oligopolisierung, teilweise auch zu einer Monopolisierung. Fiele dann die Produktion des Hauptversorgers unerwartet aus, käme es schnell zu Lieferengpässen, so die Logik der Apotheker. Die Ersparnis durch Rabattverträge rechtfertige es nicht, die Versorgungssicherheit aufs Spiel zu setzen.

Andere diskutierte Maßnahmen, wie Zwänge zur größeren Vorratshaltung oder Frühwarnsysteme könnten das Problem nur lindern, aber nicht lösen.

Ähnlich sieht das auch Wolfgang Späth (Chef von Pro-Generika), der ebenfalls eine Eröffnungsrede hielt.

Im dazugehörigen Leitantrag, der mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, fordert der DAT den Gesetzgeber dazu auf, das Rabattvertragssystem neu zu gestalten. Nicht allein der Preis, sondern auch Aspekte der Versorgungsicherheit sollen in Zukunft bei der Erteilung des Zuschlages berücksichtigt werden. Dies soll insbesondere für „versorgungskritische Wirkstoffe  gelten, so der Antragstext im Wortlaut.

Deutsche Apotheker in Europa – quo vadis?

Ein weiterer vielbesprochener Punkt auf der Tagesordnung war die seit langem immer konsequenter betriebene Harmonisierung des europäischen Arbeitsmarktes durch die EU-Kommission, die sich nun auch immer stärker auf die nationalen Gesundheitswesen auswirkt.

Konkret geht es um eine von der Kommission erlassene Direktive, die die Nationalstaaten dazu zwingt, neu erlassene Maßnahmen, die den Zugang zum Arbeitsmarkt erschweren, hinsichtlich ihrer Verhältnismäßigkeit zu prüfen und sich dafür vor den anderen EU-Staaten zu rechtfertigen. Klingt kompliziert, ist es auch.

Beispielsweise könnte Deutschland ein neues Gesetz erlassen, das Apothekern eine zusätzliche Prüfung abverlangt, um ihr Können im Umgang mit Medikationsplänen unter Beweis zu stellen. Diese Maßnahme erschwert den Zugang zum Arbeitsmarkt für andere EU-Bürger, da es nun noch schwieriger für sie ist, in Deutschland als Apotheker zu arbeiten. Nach der neuen EU-Direktive müsste sich die Bundesregierung nun vor den anderen EU-Ländern für diese neue Maßnahme rechtfertigen und ihre Verhältnismäßigkeit beweisen.

Das empfinden die Apotheker als bedrohlich für die Souveränität und Gestaltungsfreiheit der Nationalstaaten in Fragen des Gesundheitswesens und als solche EU-rechtswidrig, da Fragen der Gesundheitsversorgung nach den EU-Verträgen ausdrücklich in der Zuständigkeit der Nationalstaaten verbleiben sollen.

Dass die Situation leider doch nicht so eindeutig ist und hier viele hohe Güter wie die Versorgungssicherheit, aber auch die Grundfreiheiten der EU-Bürger gegeneinander  abzuwiegen sind und darüber hinaus auch die historischen Entstehungsgeschichten der sogenannten freien Berufe eine wichtige Rolle spielen, machte der Präsident des Bundesverwaltungsgerichtes Prof. Rennert in seiner Rede deutlich.

Im passenden Leitantrag, den der Deutsche Apothekertag nun verabschiedete, wird nun die Bundesregierung dazu aufgefordert, Widerstand gegen die Direktive zu leisten und auf die Einhaltung der EU-Verträge zu pochen.

Ein weiterer Antrag durch die Apothekerkammer Berlin rief darüber hinaus die Bundesregierung und die EU-Kommission dazu auf, sich zu den freien Berufen zu bekennen, die mit ihrer Arbeit zur Versorgung der europäischen Bevölkerung mit Dienstleistungen beitrügen.

Zu den sogenannten freien Berufen zählen alle Heilberufler, aber beispielsweise auch Architekten und Steuerberater und viele weitere. Die freien Berufe zeichnen sich durch für die Bevölkerung wichtige Tätigkeiten aus, bedürfen aber besonderer Reglementierungen, da die Bevölkerung ihnen meist an speziellem Wissen unterlegen und daher schutzbedürftig ist.

Auch dieser Antrag wurde vom DAT angenommen.

Medikationsplan und AMTS weiter verbessern

Wenigstens ein bisschen Polarisation konnte bei der Diskussion um den Medikationsplan erkannt werden. Während Gesundheitsminister Gröhe (CDU) sich in Allgemeinplätzen zur Weiterentwicklung des Medikationsplanes insbesondere hin zur digitalen Version erging und das Thema der Vergütung eleganterweise unerwähnt ließ, ging Friedemann Schmidt zum Angriff über.

Der Erfolg des Medikationsplanes könne nicht ohne die Einbeziehung der Apotheker erreicht werden und diese müssten für ihre Arbeit auch angemessen entlohnt werden. Das Thema nutzte Schmidt auch dazu, noch einmal eine generelle Neuordnung der Vergütung von pharmazeutischen Dienstleistungen in der Apotheke zu fordern.

Ein Antrag, der von der Apothekerkammer Nordrhein eingebracht worden war, forderte die Einbeziehung der Apotheker in die Erstellung des Planes und die Vergütung dieser Tätigkeit. Er wurde von den Apothekern einstimmig angenommen.

Ein weiterer Leitantrag forderte den Gesetzgeber dazu auf, Rechtsgrundlagen zu schaffen, die die Vergütung von pharmazeutischen Dienstleistungen durch die Krankenkassen ermöglichen. Auch dieser Antrag wurde ohne Diskussion und mit überwältigender Mehrheit angenommen.

Der Antrag der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, der den Gesetzgeber aufforderte, die niedersächsische Initiative zur Stationsapotheker-Quote in ein bundesweit geltendes Gesetz zu überführen, wurde vom BPhD sehr begrüßt, aber nicht ohne vorherige Diskussion angenommen.

Hauptkritikpunkt am Antrag war, dass dieser die Arbeitsmarktlage für Apotheker in Deutschland noch weiter verschärfen würde und es Landapotheken somit noch schwerer fallen würde, Nachwuchs zu finden.

Anträge zur Ausbildung

Da das Nachwuchsproblem allen bekannt ist, gab es folgerichtig auch einen Antrag, der die Ausweitung des Studienplatzangebotes im Fach Pharmazie forderte. Auch diese Forderung begrüßt der BPhD ausdrücklich, es bleibt aber abzuwarten was geschieht, denn über diese Ausweitung können einzig und allein die Landesregierungen entscheiden.

Weniger erfreut waren wir darüber, dass unser eigener Antrag, eingebracht durch die Apothekerkammer Westfalen-Lippe, nach kurzer aber vergeblicher Diskussion abgeschmettert wurde. Der BPhD hatte gefordert, dass die Apothekerkammern im Rahmen des praktikumsbegleitenden Unterrichtes Erste-Hilfe-Kurse anbieten müssen, bei denen die Teilnahme durch die PhiPler obligatorisch sein sollte.

Hintergrund war das Selbstverständnis als Heilberufler, der Patienten auch in akuten Notlagen mit Sachverstand zur Seite stehen können sollte, sowie die Tatsache, dass die Kenntnisse über Erste-Hilfe-Maßnahmen als Prüfungsstoff im dritten Ausbildungsabschnitt in der Approbationsordnung verankert sind, deren Vermittlung allerdings nicht überall Standard ist.

Letztlich scheiterte der Antrag an der Kritik der Kammern, die die Forderung als in der Realität nicht umsetzbar kritisierten und mehr Eigenverantwortlichkeit der angehenden Apotheker beziehungsweise deren Ausbildungsapotheken forderten. Aus taktischen Gründen wurde der Antrag noch vor der Abstimmung vom offiziellen Antragsteller, der Kammer Westfalen-Lippe, zurückgezogen.

Ein weiterer Antrag durch den Apothekerverband Rheinland-Pfalz hatte schon im Vorfeld im Vorstand des BPhDs für angeregte Diskussionen gesorgt und war dort auf große Ablehnung gestoßen. In seiner Originalfassung forderte der Antrag die Möglichkeit, dass sich Studienbewerber selbst dazu verpflichten können, nach der Approbation in einer Landapotheke zu arbeiten. Im Gegenzug sollte der Bewerber einen Bonus auf den Numerus Clausus erhalten.

Noch bevor es allerdings zur Diskussion kommen konnte, änderte der Antragsteller den Antrag insofern ab, dass nur noch ein allgemeines Bekenntnis zur Landapotheke verbunden mit attraktivitätssteigernden Maßnahmen gefordert wurde. Diese sehr allgemeine Formulierung war daraufhin mehrheitsfähig und wurde vom Deutschen Apothekertag angenommen.

Trauerspiel bei den Debatten um die Digitalisierung

Ja, aber… So in etwa lässt sich die Haltung der Apotheker zu Themen der Digitalisierung zusammenfassen. Noch immer scheint die Debatte von Halbherzigkeit und vor allem großer Unsicherheit geprägt. Solange es um bloße Lippenbekenntnisse zu mehr Digitalisierung geht, sind alle sofort dabei. Geht es aber um das Implementieren konkreter Systeme, wird schnell offensichtlich, dass bei vielen Apothekern das Thema vor allem Gefühle von Angst auslöst.

Schön zu beobachten war dies beim Antrag der LAK Hessen, der die Einrichtung einer Plattform zur Bestandsabfrage von Notfallmedikamenten bei benachbarten Apotheken forderte. Bisher wird im Notfall noch jede Apotheke einzeln durchtelefoniert, bis diejenige Apotheke gefunden ist, die das benötigte Arzneimittel noch vorrätig hat. Ein langsames System, das im Ernstfall lebenswichtige Minuten kostet und geradezu danach schreit, durch eine einfache, digitale Abfrage ersetzt zu werden.

Nachdem einige Minuten zuvor noch ein allgemein gehaltener Ad-Hoc-Antrag für mehr Digitalisierung in den Apotheken mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, hätte man meinen sollen, dass sich die versammelte Apothekerschaft jubelnd auf diese kleine aber feine Innovation stürzt.

Stattdessen wurde die Kritik laut: Der benachbarte Konkurrent könne einem dann ja einfach ins Warenlager schauen!

Hier zeigt sich einmal mehr, dass  einige, dass sie sich die digitale Wende zunutze machen könnten, und nach wie vor das kleinliche Konkurrenzdenken nicht überwinden können.

Zum Glück formierte sich bald ein geballter Widerstand, der die Kritiker in ihre Schranken verwies. Das im Antrag geforderte System sei ein wichtiger Beitrag zur Notfallversorgung, da es lebenswichtige Zeit sparen könne. Weiterhin kann die Plattform durch simpel gehaltene Abfragen sehr wohl so gestaltet werden, dass nicht das gesamte Warenlager eingesehen werden kann. Darüber hinaus müssten die Apotheker in solchen Fragen eng zusammenarbeiten, um auch weiterhin eine engmaschige Notfallversorgung gewährleisten zu können, durch die der Patient den Wert einer Apotheke vor Ort wieder zu schätzen lernt.

Trotz weiterer positiv beschiedener Anträge zu den Themen  , elektronische Patientenakte, Gesundheitsakte und Apothekensystemen mit künstlicher Intelligenz, konnten sich die Apotheker in Sachen Digitalisierung nicht so recht freischwimmen.

ABDA-Präsident Friedemann Schmidt forderte in seiner Eröffnungsrede eine Digitalisierung mit Augenmaß, Digitalisierung sei kein Selbstzweck, sondern müsse kritisch begleitet werden.

Große Diskussion zum Thema Impfungen in Apotheken

Große Einigkeit bestand bei der Frage, ob die Apotheken in Zukunft mehr Verantwortung bei Themen der Prävention übernehmen sollen. Die Apotheker sehen sich als erste Anlaufstelle in Gesundheitsfragen und sind daher überzeugt, einen wertvollen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten zu können. Der entsprechende Antrag vom LAV Nordrhein wurde mit großer Mehrheit angenommen.

Ein weiterführender Antrag der Apothekerkammer Berlin forderte die kommende Bundesregierung dazu auf, eine gesetzliche Grundlage für das Durchführen von Impfberatung und Auffrischimpfungen in der Apotheke zu schaffen. Hintergrund dafür sei die seit Jahren sinkende Impfquote und damit eines langsamen Verlustes der Herdenimmunität, dem durch mehr und niedrigschwelligerer Angebote entgegengewirkt werden solle. Darüber hinaus könne diese Maßnahme der chronischen Überlastung der Hausärzte Abhilfe schaffen.

Schnell wurde klar, dass sich die versammelte Apothekerschaft diese Aufgaben durchaus zutraut, aber aus taktischen Gründen lieber nicht auf’s Tableau hieven möchte. Zu groß ist die Sorge, dass dieses „Wildern“ in den Pfründen der Allgemeinmediziner mit der Forderung eines Dispensierrechts für Hausärzte beantwortet werden könnte. Der Antrag wurde letztlich in den Ausschuss verwiesen. 

 

Constantin Hauser
Beauftragter für Gesundheitspolitik

 

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